Leben in Gemeinschaft

Arbeit • Einfachheit • Erziehung
Fürsorge • Erfüllung • Freude

Leben in Gemeinschaft

Warum Hutterer?

4. Januar 2018 von

Mitglieder des Rhönbruderhofs um 1930
Eberhard Arnold und andere Mitglieder des Rhönbruderhofs um 1930

In meinem letzten Blog Post habe ich über die Täufer des 16. Jahrhunderts geschrieben, die als Märtyrer für ihren Glauben gestorben sind. Sie waren die Vorfahren der heutigen hutterischen Kirche, die inzwischen einige hundert Gemeinschaften im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten und in Kanada umfasst.

Ich war kürzlich in unserem Bruderhofhaus in Sannerz, wo Eberhard und Emmy Arnold 1920 zusammen mit einer Handvoll anderer Leute angefangen hatten, in Gemeinschaft zu leben. Für mich war es wie eine Pilgerreise, eine Gelegenheit, einige der Orte zu sehen, die in der 100jährigen Geschichte des Bruderhofs besonders bedeutend sind: Halle an der Saale, wo die von Hollander-Schwestern von der Erweckungsbewegung ergriffen wurden. Bad Blankenburg, wo Eberhard Arnold auf den jährlichen Konferenzen der Evangelischen Allianz sprach. Berlin, wo er mit der Frage von Krieg und Pazifismus gerungen hatte. Der ehemalige Rhönbruderhof, wo die Gemeinschaft etabliert wurde und wo Eberhard Arnold und Else von Hollander begraben sind. Es gibt viel, was einem an diesen Orten durch die Gedanken und durchs Herz geht.

In einer Ansprache von 1928 erzählt Eberhard Arnold von seiner intensiven Suche nach einer anderen Gruppe, die seine Überzeugungen bezüglich Gütergemeinschaft, Gewaltfreiheit und  Familienwerten, vor allem aber den Glauben an Jesus Christus und die Führung durch den Heiligen Geist geteilt hätte. Er schließt mit klaren Worten über die hutterische Kirche. Viele Leute haben sich seitdem gefragt, warum sich seine moderne Siedlungsgemeinschaft den mittelalterlichen, traditionsverhafteten Hutterern anschloss. Ich denke, der Grund war Eberhard Arnolds Demut und die Tatsache, dass er nie vorhatte, eine eigene Konfession oder Bewegung zu gründen.

Die Sannerzer Zeit [1920-1927] stand stark unter dem Zeichen der durchwandernden Gäste und der oft noch gänzlich durchflutenden, vorübergehenden Mitarbeiter. Die Probleme, die in unseren Zusammenkünften gemeinsam gewälzt wurden, waren so vielseitige, dass sie immer im Zusammenhang des Naturzusammenhangs und Menschheitszusammenhangs unter das Licht Gottes gestellt wurden, was alle Fragen umfasste. In Sannerz haben wir nun 7-8 Jahre hindurch in dem Durcheinanderwogen aller dieser geistigen Potenzen eine gewaltige Zeit erlebt. Das Eigentümliche der Sannerzer Zeit bestand in ihrer ungeheuren Kraft der Freiheit, die dennoch haarscharf an dem drohenden Abgrund der Zügellosigkeit vorübersteuerte.
Der Zentral­punkt unseres Lebens war das hutterische Wahrheits­zeugnis, das Ur-Huttertum in Mähren. 
Niemals haben wir die Freiheit gemeint oder vertreten, die in Unbeherrschtheit die wilden ungezügelten Triebe mit dem inneren Antreiben des Heiligen Geistes und des Gemeinschaftsgeistes verwechselt, sondern wir haben immer die Freiheit gemeint, welche sich durch die innere Bestimmung in jedem einzelnen für Einstimmigkeit in zuchtvoller Einheit auswirkt...
Die Einstimmigkeit ist das Geheimnis, an welchem wir erkennen, dass Gott bestimmt. Unter diesen stärkenden Punkten aber war der für uns naheliegende Zentralpunkt unseres Lebens das hutterische Wahrheitszeugnis, das Ur-Huttertum in Mähren. Hier gewannen wir eine Ehrfurcht, wie wir sie in dieser Absolutheit trotz aller Hochachtung vor all jenen andern Bewegungen nicht immer festhalten konnten. Diese Ehrfurcht beruhte auf der Überzeugung, hier ist die absolute Wahrheit, und hier ist die Wahrheit wirklich ins praktische Leben umgesetzt worden. Hier ist der einzige radikale Kommunismus der Weltgeschichte. Hier ist zum ersten und letzten Mal durch Generationen hindurch der selbstlose Bruderschafts-Kommunismus...

Je mehr nun aber die Evangelisations- und die Gemeinschaftsbewegung innerhalb und außerhalb der Landeskirche und andere Bewegungen, mit denen wir in Berührung standen, an Kraft verloren, je mehr die Jugendbewegung und Siedlungsbewegung, inklusive des heutigen Partei-Sozialismus und politischen Pazifismus neben echten Elementen doch zu viel Unechtes und Wesenloses enthielten … umso mehr fühlten wir uns zu den gewaltigsten Zeiten der Geschichte des Christus-Geistes hingezogen, umso mehr wussten wir uns zu den Ursprüngen aller Ur-Bewegungen hingedrängt. Das Urchristentum, der Ur-Enthusiasmus von Montanismus und Waldensertum, das Ur-Täufertum mit radikalem Gemeindeleben [und] das Ur-Quäkertum waren die stärksten Punkte, wenn man von den Reformatoren des 16. Jahrhunderts hier einmal absehen darf. 
Nachdem wir unser heutiges Zeitalter und vergangene Jahrhunderte so gründlich durchforscht hatten, wie es bei unserer praktischen Arbeit möglich war, mussten wir vor dieser einzigartigen Tatsache der hutterischen Bruderschaften stehen bleiben.

Die alten Hutterer-Gemeinden hatten die ungeheure Kraft der Aussendung. Schon vier Jahre nach ihrer eigentlichen Gründung durch Jakob Hutter berichtet der feindselige Beobachter: "Ihre kommunistischen Gemeinschaftswesen umfassen 17000 Glieder." Dem gegenüber sind wir sehr beschämt, dass wir nach so langjährigem Wege von 1920 an es bis heute [1928] auf höchstens 50 Glieder (inklusive der Kinder) gebracht haben.

Wir nahmen die Verbindung mit den amerikanischen Hutterern in Canada und Süd-Dakota auf. Wir vertieften uns in alle erreichbaren Bücher, Briefe, Schriften, Lieder und Handwerks-Ordnungen der hutterischen Gemeinden. Unsere Wegrichtung legt das klar vor uns mit dem Erweckungsgeist wahrhaft persönlichen Glaubens und wirklicher Liebe [und] mit dem Freiheitsgeist wirklicher persönlicher Verantwortung… und damit wieder zu dieser deutlicheren Klärung unserer Wegrichtung durch das hutterische Wahrheitszeugnis.

(In unserer Verfassung steht mehr über das Verhältnis des Bruderhofs zu den Hutterern.)

 

 

Kommentare

Über den Autor

Emmy Maendel

Emmy Maendel

Emmy Maendel hat ein besonderes Interesse an der Geschichte des Bruderhofs.

Biografie lesen
Alle Autoren anzeigen

Bleib in Kontakt

mit dem kostenlosen Voices Blog Newsletter!

Leseempfehlungen

Alle anzeigen

Das könnte dich auch interessieren

Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen

Sag uns, was du darüber denkst

Bitte benutze das Formular, um uns zu sagen, was du denkst * Kommentare werden moderiert