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Eine Zeit, die das Beste in uns zum Vorschein bringen kann

15. März 2020 von

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Der exponentielle Anstieg der COVID-19 Fälle hat unser tägliches Leben ins Stocken gebracht, wenn nicht gänzlich auf den Kopf gestellt. Unsere gewohnte Art und Weise, miteinander in Beziehung zu treten und zu interagieren – am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Kirche und in der Freizeit – hat sich bereits radikal verändert, und mit dem möglichen Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften stehen noch größere Veränderungen an. Aber es gibt noch eine andere Krankheit, die sich ebenso schnell ausbreitet: Angst. Gegen diese Krankheit können wir glücklicherweise etwas unternehmen: Wir können gegen sie ankämpfen, indem wir ein ebenso ansteckendes Gegenmittel verbreiten: Mut.

„Ermutigen“ bedeutet, das Herz zu stärken, und jeder von uns kann das jeden Tag auf tausendfache Weise tun. Die Bewegungsfreiheit ist entweder durch die Regierung oder durch persönliche Umsichtigkeit vielerorts eingeschränkt. Aber für die meisten von uns gibt es andere Kommunikationskanäle, die gut genutzt werden können; zum Beispiel können wir mit denen, die weit weg sind oder sich in Quarantäne oder Isolation befinden, telefonieren oder über Skype kommunizieren. Und egal wo wir leben, die meisten von uns haben Nachbarn. Ob wir sie bereits kennen und lieb gewonnen haben, sie ignoriert oder gemieden haben oder einfach nie Zeit hatten, sie kennenzulernen, es gibt keine bessere Zeit als die gegenwärtige Krise, um herauszufinden, wie es ihnen geht, und ihnen zu helfen. 

Wir können zulassen, dass staatliche Beschränkungen und die Unterbrechung unseres normalen Lebens uns frustrieren und verärgern, oder wir können sie als Möglichkeiten sehen, kreativ zu sein, wenn es darum geht, neue Wege zur Bekämpfung der Einsamkeit zu finden. Wir können murren, oder wir können jede Begegnung, die wir haben, wertschätzen, und sie nutzen, um die Bande der Gemeinschaft, in der wir uns befinden, zu stärken, oder jedweder neuen Form von Gemeinschaft, die aus all dem entstehen mag. Wir können uns nur um unsere eigenen Freunde und unsere eigene Familie kümmern, oder wir können diese Liebe und Fürsorge auf jeden Menschen ausdehnen, der uns begegnet. Schon vor diesen jüngsten Ereignissen gab es unzählige Menschen, die ängstlich, in Einsamkeit und Isolation lebten – vielleicht ist dies der Moment, sich bei ihnen zu melden und sie einzuladen, wieder Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen.

Jesus warnt uns, dass, wenn das Chaos der „letzten Tage“ zunimmt, „die Liebe der meisten Menschen erkalten wird“ (Mt 24,12). Wir sollten diese Warnung zu Herzen nehmen und dafür sorgen, dass sie nicht auf uns zutrifft. Wir müssen Herz und Verstand erweitern, um den Rest der Welt in unsere Gebete einzubeziehen, insbesondere die Staats- und Regierungschefs, deren Erlasse ganze Nationen betreffen, und die Angehörigen der Gesundheitsberufe, die mit unzureichenden Ressourcen mit überwältigenden Anforderungen konfrontiert sind. 

In diesen unsicheren Zeiten sind wir alle gefordert, etwas zu opfern.

Könnte es nicht sein, dass Gott uns durch das, was geschieht, bittet, zu ihm zurückzukehren und so zu leben, wie er es will? Im Matthäusevangelium, Kapitel 25, werden wir angewiesen, die Hände und Füße Jesu zu sein, um die Hungrigen, Durstigen, Nackten, Einsamen und Kranken zu trösten und zu versorgen. Jeder von uns kann dies tun, indem er sich um seinen Nächsten kümmert und denen hilft, die krank werden, oder die mit Angst, Sorge, Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung kämpfen. 

Angesichts der Anzahl der Vorfälle, die durch Panik ausgelöst wurden (zum Beispiel der Ansturm auf Lebensmittel und Hygieneprodukte), wird diese Pandemie sicherlich viele Menschen an den Rand der Verzweiflung bringen. Selbst wenn alles relativ schnell vorbei sein sollte, werden die sozialen und wirtschaftlichen Kosten enorm sein. Anstatt uns ängstlich darauf zu konzentrieren, sollten wir nach den sehr realen Möglichkeiten suchen, die uns diese Krise bietet – nicht zuletzt die Chance, dieses Gebot Jesu zu verwirklichen: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15,13). Die Umsetzung dieser Worte in die Praxis wird für jeden von uns etwas anderes bedeuten, aber in jedem Fall wird sie das Beste in uns zum Vorschein bringen und einen Segen mit sich bringen. 

Eines der Kennzeichen der Fastenzeit, in der wir uns jetzt befinden, ist die uralte und altehrwürdige Praxis, in Vorbereitung auf Ostern ein Opfer zu bringen, in Dankbarkeit für den Tod Jesu am Kreuz, den ultimativen Akt der Selbstaufopferung. In diesen unsicheren Zeiten sind wir alle gefordert, Opfer zu bringen, wenn es auch nur die beruhigende Vertrautheit unseres bisherigen Alltags ist. Vielen, vor allem für diejenigen, die im Gesundheitswesen arbeiten, wird bereits viel mehr abverlangt. 

Ob diese Krise uns in verhältnismäßig geringfügiger Weise betrifft oder ob sie uns mit dem Tod konfrontiert, lasst uns beten, dass uns der Mut, die Kraft und die Selbstlosigkeit geschenkt werden, um die Worte Jesu zu erfüllen: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan” (Mt 25,40). Und während wir auf die Karwoche hinblicken und über das Opfer Christi nachdenken, möge es uns berühren und verändern wie nie zuvor. Und vergessen wir nie, dass dieses Opfer, so ernst und schrecklich es auch war, seine tiefste und wunderbarste Bedeutung durch das erlangt, was danach kam – und damit nach allem Tod und aller Zerstörung: die Hoffnung und Verheißung der Auferstehung.

 
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Über den Autor

Paul Winter and his wife Betty

Paul Winter

Paul Winter ist der Prior des Bruderhofs. Er lebt mit seiner Frau Betty auf dem Maple-Ridge-Bruderhof.

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