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Ein weihnachtliches Juwel

21. Dezember 2017 von

winter sun

Als Ursprungsland der Weihnachtsmärkte und Weihnachtsbäume, des Adventskranzes und des Adventskalenders hat Deutschland einen überproportionalen Einfluss darauf, wie Millionen von Menschen weltweit Weihnachten feiern. Es hat wohl auch einige der schönsten und erhebendsten musikalischen Werke für diese Zeit des Jahres hervorgebracht, von Bachs Weihnachtsoratorium und Händels Messias bis hin zu hunderten von Weihnachtsliedern.

Okay, die deutsche Weihnachtstradition ist vielleicht nicht mehr ganz so rein, wie sie einmal war: Die Fangarme des Kapitalismus haben sich genauso fest um die Feierlichkeiten geschlungen wie um alles andere auch. Plastikbäume mit greller LED-Beleuchtung werden immer beliebter, in Supermärkten gibt es Adventskalender, die für jeden Tag eine andere Bier-Spezialität haben und sogar in der warme Glanz der jährlichen Weihnachtsmärkte, der geselligsten aller Weihnachtsfeierlichkeiten, strahlt, zumindest für die Vorsichtigen unter den Besuchern, durch das Phantom eines möglichen islamistischen Terroranschlags nicht mehr so hell wie zuvor. Wie könnte es anders sein, wenn riesige Sperrblöcke aus Beton an jedem Eingang sind, um Fahrzeuge zu stoppen?

Glücklicherweise hat wenig davon dem wohl Wertvollsten etwas anhaben können, das dieses Land in Bezug auf Weihnachten zu bieten hat: Seinen Reichtum an Musik. Getragen vor allem durch Amateur-Singvereine und Posaunenchöre, erklingt diese Musik zu dieser Jahreszeit in Dorfkirchen und Domen, Vereinshallen, Schulbühnen und Konzerthallen in Großstädten und zieht Tausende von Sängern, Musikern und Besuchern aller Altersgruppen an.

Als Amerikaner, der jetzt seit einigen Jahren in Deutschland lebt, hatte ich das Glück, viele solcher Veranstaltungen zu besuchen. Aber sogar wer keine Zeit hat, ein Konzert zu besuchen oder keines finden kann, das inmitten aller adventlichen Hektik in seinen Terminkalender passt, hat einige musikalische Optionen – immerhin gibt es Unmengen an Aufnahmen jedes Genres.

Hier ist eines meiner Lieblingsstücke, ein selten aufgeführtes Stück von Max Bruch namens „In der Christnacht“, aufgeführt vom RIAS Kammerchor, einem Vokalensemble, das nach dem Zweiten Weltkrieg in West-Berlin gegründet wurde. Seitdem hat RIAS („Rundfunk im amerikanischen Sektor“) den Ruf als einer der besten Kammerchöre Europas gewonnen.

Ich habe noch nichts vom RIAS Kammerchor gefunden, das ich nicht mochte, aber Bruchs kurzes Stück (weniger als fünf Minuten) sticht hervor. Zum einen ist es eines dieser unnachahmlichen Weihnachtslieder, deren Text die Essenz der Feierlichkeiten erfasst, nicht deren Äußerlichkeiten oder irgendeine aufpolierte Nostalgie einer perfekten Kindheit, die es so nie gab.

Ich habe kein Problem mit Weihnachtsbäumen und Lametta und es gibt kaum etwas, das einen trüben Dezembertag so aufhellt wie „Jingle Bells“. Aber wenn man anfängt darüber nachzudenken, worum es bei Weihnachten eigentlich geht, dann wendet man sich wahrscheinlich etwas zu, das mehr Tiefgang hat, etwas, was auch dann noch Bedeutung hat, nachdem der Adventskranz in der Ökotonne gelandet ist und der Weihnachtsbaumständer wieder auf dem Dachboden ist.

Zurück zu Bruchs Stück: Es lohnt sich, den Text genau zu lesen (siehe unten), bevor man sich das Lied anhört. Was mir an diesem Gedicht so gut gefällt (geschrieben von Kaspar Friedrich Nachtenhöfer, einem Kirchenmann aus Halle, der im selben Jahr starb, als Händel ebendort geboren wurde) ist die bemerkenswerte Einfachheit und der ehrfürchtige Ton, außerdem die dezente Zurückhaltung, die darauf verzichtet, einen der Charaktere der Weihnachtsgeschichte beim Namen zu nennen, aber ihren tiefsten Sinn perfekt widergibt. Für mich ist die Botschaft wie eine logische Folge des bekannten Gedichts des spätmittelalterlichen Mystikers Angelus Silesius, der sagte:

Halt an, wo läufst du hin – der Himmel ist in dir! 
Suchst du Gott anderswo. Du fehlst ihn für und für. 
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

Was die Musik angeht, fällt mir keine andere weihnachtliche Komposition ein, die das helle Strahlen des Kindes vor einem Hintergrund einer bedrückenden Finsternis der Nacht und Verzweiflung in so dramatischen Kontrasten gezeichnet hat. Vorwärts getragen von unterlegten, sanft wogenden Harmonien  setzt die Sopranstimme wie eine täuschend einfache abfallende Melodie ein, die dann ansteigt, an Intensität gewinnt und in einem hohen As kulminiert, bevor es wieder abfällt und im Schlussakkord ausklingt. Das ganze Stück ist voll Spannung, Vorhalte, die erst am letzten Schlag einer Kadenz sich auflösen werden wie Schatten, die erst verschwinden, wenn die Sonne schon über dem Horizont steht. Aber letzten Endes ist es ein Ausdruck tiefen Glaubens: Trotz allem, was in der Welt im Argen liegt, gibt es dennoch Schönes und Gutes – und Licht.

Interessiert? Hört euch hier an, wie das RIAS-Kammerorchester Max Bruchs „In der Christnacht“ singt:

Ihr könnt mitlesen, wenn ihr euch die Noten hier herunterladet (nicht Copyright-geschützt).

Und hier ist der Text des Gedichtes: 

In der Christnacht

Dies ist die Nacht, da mir erschienen
des großen Gottes Freundlichkeit!
Das Kind, dem alle Engel dienen
bringt Licht in meine Dunkelheit,
und dieses Welt- und Himmelslicht
weicht hundert-tausend Sonnen nicht!

Lass dich erleuchten, meine Seele,
versäume nicht den Gnadenschein!
Der Glanz in dieser kleinen Höhle
dringt bald in alle Welt hinein,
er treibet weg der Hölle Macht,
der Sünden und des Todes Nacht!
Kaspar Friedrich Nachtenhöfer (1624-1685)

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Über den Autor

Chris and Bea Zimmerman

Chris Zimmerman

Chris Zimmerman und seine Frau Beate leben in Holzland, einer Bruderhof-Hausgemeinschaft in der Nähe von Jena.

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